Was ist ein Stablecoin?
Ein Stablecoin ist eine digitale Währung auf einer Blockchain, die 1:1 an eine reale Währung gebunden ist. Anders als Bitcoin schwankt er nicht im Wert. Was ihn interessant macht, ist nicht Kursphantasie, sondern ein konkretes technisches Versprechen: fast kostenlose Zahlungen in Sekunden statt Tagen, rund um die Uhr, ohne klassische Banköffnungszeiten, programmierbar via Smart Contracts – und potenziell ohne teure Korrespondenzbanken als Mittelsleute.
Die bestehenden CHF-Stablecoins
Der Markt für Franken-gebundene Stablecoins war lange ein Randphänomen – er kommt aber gerade in Bewegung.
XCHF (CryptoFranc) war der erste ernstzunehmende Versuch. Emittiert von Bitcoin Suisse AG auf Ethereum, durch Bankgarantie gedeckt. Das Projekt wurde 2024 eingestellt – ein Pionier, der nie echte Marktbreite erlangte.
ZCHF (Frankencoin) ist heute der grösste aktive CHF-Stablecoin. Vollständig dezentralisiert, überbesichert durch Krypto-Assets, auf acht Blockchains verfügbar. Bei Spar akzeptiert, in DeFi-Protokolle integriert – aber für den Massenmarkt zu komplex.
CHFAU lancierte AllUnity – ein Joint Venture von DWS, Galaxy und Flow Traders – im Februar 2026 aus Deutschland. Vollständig durch CHF-Reserven gedeckt, unter BaFin-Aufsicht als E-Geld reguliert, MiCA-konform. Ein regulierter Franken-Stablecoin aus dem Ausland: das hätte ein Schweizer Unternehmen sein sollen.
CHFD (Digitalfranken) ist das grösste laufende Projekt. Seit April 2026 testen UBS, PostFinance, Sygnum, Raiffeisen, Zürcher Kantonalbank und die Waadtländische Kantonalbank gemeinsam mit der Swiss Stablecoin AG eine CHF-Stablecoin-Sandbox auf Ethereum. Es geht um Erfahrungssammlung, nicht um eine Markteinführung. Der Sandbox-Zwischenbericht wird für Herbst 2026 erwartet.
Was FINMA, SNB und Bundesrat dazu sagen
Die FINMA hat lange für Rechtsunsicherheit gesorgt. 2024 stellte sie klar: CHF-gebundene Token gelten als Publikumseinlagen und erfordern eine Bank- oder Fintech-Lizenz. Noch brisanter: Die Qualifikation des Stablecoin-Haltens als dauerhafte Geschäftsbeziehung hätte vollständiges KYC aller Wallet-Inhaber verlangt – ein operatives KO-Kriterium für jedes skalierbare Modell. Die Sandbox-Initiative operiert bewusst unterhalb der FINMA-Schwelle von einer Million Franken.
Der Bundesrat hat im Oktober 2025 eine Vernehmlassung zur FINIG-Revision eröffnet. Kern: zwei neue Kategorien – Zahlungsmittelinstitute mit dem exklusiven Recht zur Stablecoin-Emission, und Kryptoinstitute für Verwahrung. Die willkürliche 100-Millionen-Franken-Obergrenze für Publikumseinlagen fällt. Ein klares Signal pro Innovation – aber das finale Gesetz kommt frühestens 2027.
Die SNB hat ihr Nein zu einem Retail-CBDC mehrfach bekräftigt und setzt stattdessen auf Projekt Helvetia: Wholesale-CBDC für den Interbankenmarkt auf der SIX Digital Exchange, bis mindestens 2027 verlängert. Ihre Bedenken gegen SNB-Stablecoins sind strukturell: Disintermediation der Geschäftsbanken, geldpolitische Kontrollverluste, und – als Safe-Haven-Währung besonders relevant – unkontrollierbare Kapitalzuflüsse aus dem Ausland in Krisenzeiten. Ein formeller Sinneswandel ist wenig wahrscheinlich. Realistischer ist eine stille Annäherung: Die SNB toleriert privaten Stablecoin, verankert ihn via Repo-fähige Sicherheiten und macht ihn über Helvetia anschlussfähig – ohne je einen Retail-CBDC zu emittieren.
Das strukturelle Kernproblem: Der Anker
USDC und USDT können US-Staatsanleihen als Deckungsanker nutzen – ein Markt von über 27 Billionen Dollar. Die Schweiz hat ausstehende Bundesobligationen von rund 100 Milliarden Franken. Mit einer Staatsschuldenquote von ca. 27% ist dieser Pool strukturell begrenzt: Je mehr CHF-Stablecoins emittiert werden, desto rascher ist er erschöpft.
Das zwingt zur Ehrlichkeit: Der CHF-Kapitalmarkt ist zu klein für einen seriösen CHF-Stablecoin. Dazu braucht es SNB-Giroguthaben oder SNB-Repo-fähige Sicherheiten als Primäranker – ergänzt durch Triple A Papiere wie Pfandbriefe, Bundesobligationen, Kantonsanleihen und Gemeindeanleihen als Puffer. Das bedeutet: Privatwirtschaftliche Emission auf SNB-Infrastruktur. Das ist geldpolitisch heikel und wirft die Frage nach der monetären Souveränität der Schweiz auf.
Wer braucht einen CHF-Stablecoin wirklich?
Die Nachfrage ist real, aber kleiner und spezifischer als die öffentliche Debatte suggeriert.
Heute dringend: Krypto-native Akteure, die On-Chain-Settlement in Franken brauchen, ohne Wechselkursrisiko gegenüber USDC einzugehen. Institutionelle Investoren, die tokenisierte Schweizer Wertpapiere kaufen und die Cashseite ebenfalls on-chain brauchen. Exportorientierte Unternehmen mit grenzüberschreitenden Zahlungsströmen, die heute über teure Korrespondenzbanken abgewickelt werden.
Latent vorhanden: Ausländische Investoren mit CHF-Exposure, die ein liquides, reguliertes Instrument suchen. Die Schweizer Diaspora, die Heimatüberweisungen zu teuren Bankgebühren abwickelt.
Nicht dringend: Schweizer Privathaushalte. Twint funktioniert. SIC funktioniert. E-Banking funktioniert. Ein CHF-Stablecoin löst für den normalen Schweizer im Inland kein spürbares Problem.
Wer verdient daran?
Das Geschäftsmodell eines Stablecoin-Emittenten ist simpel: Franken hereinnehmen, in SNB-Repos oder Staatsanleihen anlegen, Zins behalten. Bei tiefem CHF-Zins ist das bescheiden, bei höheren Zinsen schenkt es ein. Das US$ Stablecoin Tether macht mit diesem Modell bei US-Zinsen Milliarden Gewinn pro Jahr.
Die Nutzer verdienen nichts. Ein regulierter CHF-Stablecoin wird – analog euro-MiCA und US-Genius-Act-Logik keine Zinsen ausschütten. Das ist politisch angreifbar und wird die demokratische Debatte prägen.
Für die Banken im Konsortium geht auch um die Infrastrukturhoheit, um Transaktionsgebühren und Custody-Erträge für die Deckungsreserven. Wer die Settlement-Schicht der tokenisierten Finanzwirtschaft definiert, kontrolliert die Wertschöpfungskette der nächsten Dekade.
Das Defensivmotiv ist mindestens so stark wie das Offensivmotiv: Aus Schweizer Sicht muss verhindert werden, dass Stripe, PayPal oder ein ausländischer Stablecoin das Schweizer Zahlungsverkehrsgeschäft unterwandert.
Die entscheidende strategische Frage
Die Schweiz hat einen der am besten digitalisierten Binnenzahlungsverkehre der Welt. SIC läuft seit 1987 auf Weltklasseniveau. Twint hat über fünf Millionen aktive Nutzer. IBAN-Überweisungen kosten fast nichts.
Wo genau ist die Lücke? Nicht im Inland. Sondern an der Grenze.
Eine internationale CHF-Überweisung läuft heute über zwei bis vier Korrespondenzbanken, dauert Tage und kostet Dutzende Franken. Schweizer Exporteure fakturieren oft in Euro oder Dollar, weil CHF-Zahlungen für ausländische Gegenparteien umständlich sind – und tragen deshalb strukturelles Währungsrisiko. Der Franken ist global Safe Haven, aber digital inexistent. CHFAU kommt aus Deutschland, weil niemand in der Schweiz das Problem gelöst hat.
Die präziseste Antwort auf die Frage «Braucht die Schweiz einen CHF-Stablecoin?» lautet deshalb: Die Schweiz braucht keinen digitalen Franken für den Alltag. Sie braucht einen digitalen Franken für die Welt.
Was das für die Gesetzgebung bedeutet
Der CHF-Stablecoin ist keine Kryptospielerei und kein digitaler Twint. Die Schweiz hat die Institutionen, das Vertrauen, die regulatorische Kompetenz und die Währungsqualität zur Herausgabe eines CHF-Stablecoins.
Entsprechend konzipiert ist er ein Instrument zur Verteidigung der monetären Souveränität der Schweiz in einer Welt, in der Dollar-Stablecoins aggressiv Terrain besetzen, ein digitaler Renminbi, ein digitaler Euro und andere Stableconins sind in Vorbereitung.
Für die Blockchain-Wahl bedeutet das: öffentliche Infrastruktur, beispielsweise Ethereum oder ein führendes L2 mit anerkannter applikationsseitiger Compliance.
Zu beginnen gilt es dort, wo der Nutzen unbestritten und die Umsetzung beherrschbar ist, nämlich im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr mit professionellen Gegenparteien. Infrastruktur bauen, Erfahrungen sammeln, graduell öffnen
Ein auf grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr fokussierter CHF-Stablecoin vereinfacht fast alle offenen Fragen: KYC, sprich Geldwaschbekämpfung, greift beim Onboarding beim Schweizer Emittenten, nicht bei jedem globalen Wallet-Inhaber. Die FINMA-Zuständigkeit beschränkt sich auf die Emission. Die SNB-Bilanz wird nicht durch Retail-Zuflüsse belastet. Und die demokratische Legitimität ist klarer: Der Stablecoin dient der Exportwirtschaft und der Verteidigung des Frankens im digitalen Raum – nicht der Umgehung bestehender Infrastruktur. Also der legitimen wirtschaftlichen Selbstbehauptung der Schweiz.
Dieser Text entstand auf Basis eines geprompteten Dialoges von Gian Trepp mit dem KI-Modell Claude
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