Freitag, 8. Februar 2013

Terrorismus und Journalismus - Der Fall Res Strehle

Diese Woche hat sich die Zeitung "Weltwoche" mit der politischen Vergangenheit von Res Strehle beschäftigt, dem Chefredaktor des Zürcher Tages-Anzeigers, und hat ihn im Dunstkreis des lokalzürcherischen Linksterrorismus der Achtzigerjahre positioniert. (Online nicht greifbar).

Politische Vergangenheit? Jawohl, Strehle hat eine.

Doch die ist nicht negativ zu bewerten, wie die Weltwoche behauptet. Sondern positiv, als eine journalistische Qualität, die wenige Chefredaktionskollegen anderer deutschschweizer Zeitungen vorweisen können. Roger Köppel, Markus Somm, Markus Spillmann oder Andrea Bleicher haben eine brilliante journalistische Karriere, Strehle hat eine gebrochene journalistische Biografie.

Und diese Brüche haben es in sich.

Wenn der Tages-Anzeiger heute auf bestem Wege ist, die serbelnde NZZ als publizistisches Flaggschiff der Metropolitanregion Zürich abzulösen, dann dank Verleger Pietro Supino, Ex-CEO Martin Kall und Chefredaktor Res Strehle.

Der einstige Maschinenstürmer Strehle hat sich zu einem Architekten der erfolgreichen Verschmelzung von Online und Printjournalismus gemausert, wo sich sowohl der wirtschaftliche als auch der publizistische Wettbewerb zwischen NZZ und Tamedia entscheidet.

Dazu muss man wissen, dass die von Strehle 1981 mitbegründete Wochenzeitung WOZ seit 1984 einen Machtkampf von epischer Dimension durchlitt, der 1986 mit dem Abgang der unterlegenen, Strehle-geführten, linksrevolutionären Fraktion endete. Zentraler Streitpunkt, neben Politpositionen wie "Waffen für El Salvador", war die Anschaffung eines Computers für die Administration. Zur Hölle mit dieser Ausgeburt des Schweinesystems, sagte damals die Strehle-Fraktion, damit werden nur die Revolutionäre ausspioniert.

Mit dem Basler-Zeitungs-Redaktor und Buchautor Eugen Sorg als Gewährsmann,  will die Weltwoche wissen, "Terrorversteher" Strehle habe damals die Wohngemeinschaft Neptunstrasse geleitet, eine Schaltstelle zwischen linker Szene und gewalttätigen Gruppen.

Ja lieber Geni, ohne harte Belege sind solch böse Behauptungen bloss giftige Tinte auf toten Bäumen.

Und noch was Geni, wir beide wissen doch nur allzugut, wie in jener fernen Zeit Tererrorversteher, ja vielleicht sogar Terroristen, bei Ringier geradezu massenweise herumschwirrten. Da warten noch einige saftige Enthüllungen für weitere Killergeschichten, die die Weltwoche ja dringend braucht, um ihre schwindende Leserschaft bei der Stange zu halten, so unreformiert marktfundalistisch, unispiriert nationalkonservativ und unverholen amerikahörig, wie das Blatt heute daherkommt.

Festzuhalten gilt, dass sich Strehle selbst an der Nase nehmen muss, wenn die Weltwoche seine Vergangenheit derart einseitig und verzerrt darstellen kann. Seine 2008 erschienenes autobiografische Märchen "Mein Leben als 68er", im Kombipack ausgerechnet mit der Bio seines heutigen Denunzianten Eugen Sorg, ist betreibt Geschichtsklitterung.

Strehle, Jahrgang 1951, ist nach landläufiger Definition kein 68er. Da hat er sich fremde Federn an den Hut gesteckt. In jenem fernen Jahre führte er eine privilegierte jeunesse-dorée-Existenz am Zürichberg. Im antikapitalistischen Kampf der progressiven Mittelschülern war er nicht präsent. Anfangs der Siebzigerjahre brillierte er dann als braver Studi an der kapitalistischen Kaderschmiede in St. Gallen, machte seinen Doktor, wurde wissenschaftlicher Assistent und landete schliesslich Ende des Jahrzehnts als Pressesprecher beim linksliberalen Migrosfrühling des unvergessenen Hans A. Pestalozzi.

68er, auch jene die es später bis zum Chefredaktor schafften, durchliefen in den Siebzigerjahren einen anderen Weg. Sie haben den Marxismus-Leninismus bereits 15 Jahre vor Strehle studiert und praktiziert. Etwa Jürg Wildberger, den wir den Verräter nannten, weil er bereits 1975 zur Finanz und Wirtschaft überlief. Oder Klaus Vieli, der den Weg in die Chefetage über den Alternativjournalismus fand.

Ich meinerseits, lernte Strehle 1976 kennen. Meine damalige Schwägerin hatte mich zum Zügeln mobilisiert, wo der Freund ihrer Freundin, Strehle, ebenfalls mithalf. Unvergessen blieb mir diese, an sich unbedeutende Episode, wegen des nachfolgenden Streites mit meiner lieben Ex-Schwägerin. Weil ich auch Volkswirtschaft studiert habe, hat sie Strehle irgendwie mit mir verglichen, was meinen heftigsten Proteste auslöste. Diesen Vergleich mit dem kleinbürgerlichen Uni-Assistenten vom Zürichberg wollte ich mir als proletarischer Revolutionär nicht bieten lassen, der ich damals in einer Zürcher Maschinenfabrik malochte, um echte Proletarier für den Umsturz zu gewinnen. Diese freiwillige Proletarisierung mag heute abwegig klingen, war aber damals unter intellektuellen Marxisten-Leninisten  gar nicht so selten. Einige davon sind auch Chefredaktoren geworden, etwa Serge July bei der französischen "Libération" oder Thomas Schmid bei der deutschen Tageszeitung "Die Welt".

Nein, zu den radikalpolitisch definierten 68ern gehört Strehle definitiv nicht. Er ist ein 80er. Der Beginn seiner politischen Radikalisierung war die Zürcher 80er Bewegung. Strehles Weg nach Links begann, als die 68er einen mehr oder weniger hohen Preis für ihre gescheiterte Revolution bezahlten, und sich zur bürgerlichen Restkarriere resozialisierten. Wie weit Strehle auf dem Marsch nach Links gekommen ist, was dabei von heute aus gesehen als falsch und richtig taxiert und wie er es heute mit der Gewaltfrage hält, all das bleibt in "Mein Leben als 68er" vernebelt.

Der Fluch dieser Lebenslüge hat ihn erreicht.

Kommentare:

  1. glaubhaft dargestellt - Strehle ist ziemlich eingebildet obwohl er sich leutselig gibt - seine schmalen Augen lassen das zu - ich mag ihn weil er durchschaubar und verkrampft ist

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  2. Lieber Gian, Du machst einen Geschichtsfehler. Res war mein Studienkolleg an der HSG und war dort Gründer oder Mitbegründer der "Infogruppe" (so etwa hiess sie), eine Gruppe von Studenten, die sich in marxistischer Auseinandersetzung mit und Kritik am Bildungsinhalt übte, der uns in St.Gallen geboten wurde. Das war 1969 bis 1973. Gruss aus Genf und noch schönen Sonntag

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