Freitag, 15. August 2014

Gabor Steingart: Vom Amerikafreund zum Putinversteher - Kann die NZZ-Amerikafraktion davon profitieren?

Wer alt genug ist, errinnert sich noch an die Feindschaft des damaligen Spiegel-Redaktors Gabor Steingart gegen die Rot-Grüne Schröder-Fischer-Regierung, welche 2003 die Teilahme der Deutschen Bundeswehr am Angriff der USA gegen den Irak ablehnte.

"Der Westen muss sich wehren - oder er scheitert", schrieb Steingart dann 2006 in seiner Spiegel-Titelgeschichte "Weltkrieg um Wohlstand". Anders gesagt, das Heil Deutschlands liegt in der Juniorpartnerschaft mit den USA.

Am 8. August 2014 hat der mittlerweilen zum Chefredaktor des Düsseldorfer Handelsblattes avancierte Steingart einen Essay mit dem Titel Der Irrweg des Westens veröffentlicht, wo er sich von den verbalen und militärischen Angriffen der USA auf andere souveräne Staaten distanziert.

Die Amis sind Looser, schreibt er: "Die letzte erfolgreiche militärische Großaktion, die Amerika durchgeführt hat, war die Landung in der Normandie. Alles andere – Korea, Vietnam, Irak und Afghanistan – ging gründlich daneben."

Die Ukrainekrise will Steingart nicht wie von den USA empfohlen mit Isolation Russlands, Boykott und Gewalt lösen, sondern durch Russlands Integration, durch Vehandlungen und Interessenausgleich.

Mit seinem friedensfördernden Essay hat sich der Deutsche den Titel "Ehren-Eidgenosse" verdient und den Grossorden der Bruderschaft des Schweizer Nationalheiligen Niklaus von Flühe obendrein.

Für die Schweizer Presselandschaft scheint die neue Einsicht des Handelsblatt-Chefredaktors weniger wichtig. Sollte sich die Ansichten des Chefs jedoch zur redaktionellen Leitlinie des Handelsblattes verfestigen,  dürfen sich die stramm amerikafreundlichen Hard-Core-Putinfeinde bei der "Neue Züricher" freuen.

Die meinerseits vorausgesagte Verstärkung des NZZ-Büros Berlin mit einer oder zwei amerikafreundlichen Edelfedern der deutschen Zeitungslandschaft rückt näher.

Sonntag, 3. August 2014

Kampf um die redaktionelle Linie der NZZ - Amerika-Fraktion in der Offensive

Von der "Zeitung für die Schweiz" zum "Zentralorgan der Amerikafreunde im gesamten deutschsprachigen Raum", so lautet die Generallinie der von Auslandchef Eric Gujer geführten Amerika-Fraktion in der NZZ-Redaktion.

Was die Zürcher Amerikafreunde wollen, beschreibt Redaktor Francesco Benini in der heutigen NZZaS (3.8.). Nämlich die Neuauflage der brüchig gewordenen Allianz von Europa mit Amerika wie sie zu Zeiten des Kalten Krieges bestand, was laut Benini für die Europäer das Beste ist.

Aber wohlverstanden, nicht mit dem Taugenichts Obama. Cojones, der republikanische Senator Ted Cruz aus Texas gefällt Benini wohl besser.

In den vergangenen Monaten hat die NZZ ihre Redaktion nicht wie andere Tageszeitungen ab-, sondern ausgebaut. Da liegt die Frage der zukünftigen inhaltlichen Ausrichtung auf der Hand, ganz besonders in der heutigen Wendezeit.

Schafft Eric Gujers Amerikafraktion den Durchmarsch? Oder gibt es in den Redaktionen der NZZ AG vielleicht auch Kräfte, welche die wirtschaftlichen Schweizer Landesinteressen vor die europäische Bündnistreue zum grossen Bruder ennet des Atlantiks stellen?

Die Beantwortung dieser Fragen dürfte nach dem Freihandelsabkommen Schweiz-China und dem Franken-Renminbi-Swap der Chinesischen Zentralbank mit der Nationalbank unter anderem auch an der NZZ-Chinaberichterstattung abzulesen sein.

Donnerstag, 10. Juli 2014

DIe NZZ als Zentralorgan der deutschsprachigen Amerikafreunde

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ein gröberes Problem. Ihr aussenpolitisches Leitmotiv "Von Amerika lernen, heisst Siegen lernen" droht die Allianz mit der schweigenden Mehrheit ihrer Wählerinnen und Wähler zu sprengen.

Hemmungslose amerikanische Spione, Washingtons Drängen auf Putin-Dämonisierung, und die Bevorzugung der US-Wirtschaft im geplanten transatlantischen Freihandels- und Investmentabkommen TIIP, entfremden die amerikafreundliche Kanzlerin von einem zunehmend amerikakritischen Elektorat.

Sobald Merkels spröder Ossi-Charme die Stimmen der schweigenden Mehrheit nicht mehr bringt, zerbröselt die Koalition von CDU und CSU. Wenn das passiert, zerfällt auch die grosse Koalition mit der SPD. Die Gestaltung der zukünftigen deutsch-amerikanischen Freundschaft ist die brennende Lunte am Pulverfass von Merkels kleiner und grosser Koalition.

Davon kann die NZZ profitieren.

1780 als Organ der Oligarchen des damaligen eidgenössischen Stadtstaates Zürich gegründet und 1830 als Kampfblatt der Zürcher Liberalen erneuert, mausert sich die NZZ heute nach dem Vorbild des "Economist" im Englischen Sprachraum zum Zentralorgan der deutschsprachigen Amerikafreunde.

Klar, auch die überregionalen deutschen Tageszeitungen sind amerikafreundlich. Sie haben jedoch das gleiche Problem wie die Bundeskanzlerin. Ihre proamerikanische Publizistik muss, bei Strafe von Abokündigungen, Rücksicht nehmen auf die zunehmend amerikakritische Grundstimmung der angestammten Leserschaft.

Ganz abgesehen vom wachsenden Stirnerunzeln machtpolitisch-pragmatisch denkender Wirtschaftskapitäne und Manager zur Unterordnung wirtschaftlicher Landesinteressen unter eine vorwiegend normativ-moralistische China- und Russlandberichterstattung.

Die Hard-Core-Amerikafreunde einer neupositionierten, entschweizerten NZZ-Redaktion hingegen, kennen keine solche Konsensprobleme. Ganz im Gegenteil. Kompromisslos amerikafreundliche Auslandberichterstattung ist das Hauptargument der Werbung neuer deutscher Abonenntinnen und Abonnenten. NZZ-Feuilleton, Sport und Wirtschaft sind bereits deutschlandkompatibel, Inland und Region für CH, D, A, FL und L erfordern noch Anpassungen.

Für meinen Teil wäre ich nicht erstaunt, wenn die NZZ in Berlin nächstens  eine Aussenstelle eröffnet, und dazu bei der deutschen Konkurrenz einige proamerikanische Edelfedern abwirbt.

Montag, 23. Juni 2014

Zweifel schassen, Heidenreich schützen - Warum?

Die Fakten: Während der von Stefan Zweifel moderierten Sendung "Literaturclub" des Schweizer Fensehens hat die deutsche Erfolgsautorin und TV-Talkerin Elke Heidenreich ein antisemitisches Heidegger-Zitat erfunden.

Aus dem besprochenen Buch "Schwarze Hefte (1939-1941)" des deutschen Philosophen Martin Heidegger las Heidenreich scheinbar einen Satz vor, der in diesem Buch nicht zu finden ist. Im gefakten Zitat unterschob sie Heidegger die Ausage, er befürworte die Beseitigung der Juden aus Deutschland.

Nachdem Zweifel die Zuschauerinnen und Zuschauer der TV-Sendung auf korrekte Weise darauf aufmerksam gemacht hatte, so ein Zitat sei im diskutierten Heidegger-Text nicht zu finden, bekam Heidenreich einen Wutanfall und knallte das Buch auf den Tisch.

Tage später hat das Schweizer Fernsehen Moderator Zweifel fristlos abgesetzt, während Heidenreich weiterhin in der Sendung bleiben darf. Die TV-Kulturchefin hat es abgelehnt den Sachverhalt abzuklären und öffentlich richtigzustellen.

Dafür hat Heidenreich Stellung genommen (Sonntagszeitung 21.6.): "Jedem, der je Heidegger gelesen hat, muss doch klar sein, dass das kein Zitat war, sondern eine klassische Paraphrase, wie sie im Gespräch häufig vorkommt." Sie habe die antisemitischen Äusserungen Heideggers mit ihren Worten gewertet. "Was gäbe es da zu entschuldigen?"

Antisemitismus, Heidegger, Zitatfälschung - Das sind keine Peanuts, das ist Chefsache. Wenn die TV-Kulturchefin weithin kneift, bekommen wir einen Fall für Direktor Ruedi Matter und Generaldirektor Roger de Weck.

Warum aber hat das Schweizer Fernsehen seinen korrekt agierenden Moderator Zweifel fristlos abgesetzt, und die unkorrekt agierende Zitateerfinderin Heidenreich gleichzeitig geschützt?

Meine Antwort lautet wie folgt: Das Verhalten von Zweifel und Heidenreich in der inkriminierten Sendesequenz verkörpert zwei unterschiedliche Wege der geistigen Verarbeitung des Völkermordes an den Europäischen Juden. Genau hinschauen, differenzieren, verstehen ist der eine Weg, sakralisieren, dämonisieren, kollektivbeschuldigen der andere.

Das bisherige Verhalten des Schweizer Fernsehens im Heidenreich-Zweifel-Disput stützt den zweiten Weg.

Freitag, 13. Juni 2014

Wird Eric Gujer neuer NZZ-Chefredaktor?

Heureka und Halleluja, freuet euch! Der Welt wird eine neue NZZ geboren.

Heute sitzen Bosse und mittlere Kader den ganzen Tag in der Retraite. Nur noch die Lokalredaktion hält die Festung an der Falkenstrasse.

Von dem was bereits durchsickerte, ist das neue Zeitungskonzept voll entzürchert und entschweizert. Zürcherisch ist an der neuen NZZ noch ungefähr soviel, wie heute an der Zurich Insurance.

Das neue Printprodukt ist kein Newsprodukt, sondern ein analytisch-ideologisches Zentralorgan für den gesamten deutschsprachigen Raum, Deutschland, Österreich, Deutschschweiz, Liechtenstein und Luxemburg.

Der Redaktionssitz Berlin, zuerst Aussenstelle, dann Hauptsitz, scheint mir eine Frage der Zeit. Schätze, dass sich die Edelfedern bei "Welt", "FAZ" und anderswo bereits das für und wider eines Wechsels überlegen.

Das neue Blatt bleibt ideologisch stramm neoliberal und proamerikanisch wie gehabt. Doch mit der neuen politischen Mission, das deutschsprachige Europa fest in eine neue Transatlantische Allianz einzubauen. Einem tragenden Baustein des reorganisierten Westblocks in der kommenden bipolaren Welt der Staatskapitalisten gegen die Finanzkapitalisten.

Und für dieses Schema ist Eric Gujer der ideale Chefredaktor.

Mittwoch, 28. Mai 2014

Führte Heideggers seinsgeschichtlicher Antisemitismus nach Auschwitz?

Als Personalie ist die Affäre im "Literaturclub" des Schweizer Fernsehens ein Sturm im Wasserglas.

Inhaltlich hingegen, ist der Zoff zwischen dem geschassten Sendungsmoderator Stefan Zweifel und der streitbaren deutschen Buchfrau Elke Heidenreich von Bedeutung.

Um die inhaltliche Relevanz zu verstehen, genügt die Lektüre der 120 Seiten des Taschenbuches "Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung" von Peter Trawny, dem Herausgeber von Heideggers Werken. Die Gesamtlektüre der sogenannten "Schwarzen Hefte", in denen sich bislang unbekannte judenfeindliche Äusserungen Heideggers finden sind, ist nicht nötig. Geschweige denn das Lesen von "Sein und Zeit", dem Hauptwerk des Deutschen Philosophen - hab ich vor Jahren mal versucht und bin daran gescheitert.

Das von Zweifel inkrimininerte Heidegger-Zitat Heidenreichs kombiniert einzelne philosophische Begriffe aus der Heideggerschen Terminologie, mit Teilen Heideggerscher Originalsätze und einer eigenen Interpretation des selbstgeschaffenen Sprachgebildes.

Das ist etwas ganz Anderes, als die in wissenschaftlichen und journalistischen Texten gängige Zitiermethode, wonach wörtlich unverändet übernommene Sätze durch Anfangs- und Schlusszeichen kenntlich gemacht werden müssen.

Heidenreichs Satz "Die verborgene Deutschheit müssen wir entbergen, und das tun wir, indem wir die Juden endlich beseitigen aus Deutschland" ist in den in den "Schwarzen Heften" nicht zu finden, sagen unisono die Experten. Entgegen Heidenreichs dreimaligen trotzigen "doch" im Literaturclub. Und entgegen den umständlichen Erklärungen zu der ihr eigenen speziellen Zitierweise, mit denen sie sich nachher im Tages-Anzeiger aus der Affäre zu ziehen versuchte. (27.5.14)

Heidenreich hat falsch zitiert, das schleckt keine Geiss weg. "Da tar me nöd", aber die formale Kritik ist nicht des Pudels Kern.

Ihr selbstgebasteltes Satzgebilde suggeriert, die von Trawny als seinsgeschichtlicher Antisemitismus bezeichnete Denkart Heideggers führe nach Auschwitz.

Allein - Endet jede verbale Diffamierung des Judentums im Holokaust?

Diese Frage beantwortet Heidenreich implizit mit Ja. Trawny hält die Annahme für problematisch. Jetzt braucht es nur noch jemanden der Nein dazu sagt, und die Runde zum nächsten TV-Talk im Leutschenbach ist perfekt.

Montag, 26. Mai 2014

Wissenschaftspolitik ist Standortförderung, nicht Konzernförderung, Patrick Aebischer

Nachdem die WOZ unlängst enthüllte, dass der Präsident der ETH-Lausanne (EPFL), Prof. Patrick Aebischer, dem Sponsor Nestlé ein Vetorecht ein bei der Besetzung von zwei nestléfinanzierten Lehrstühlen einräumte, pfiff ihn ETH-Ratspräsident Fritz Schiesser zurück. Sponsoring ja, aber ohne Vetorecht.

Letzten Samstag ging der Desavouierte mit einem NZZ-Inteview in die Offensive. Aebischer der "angelsächsisches Denken" und "angelsächsische Philosophie" an die EPFL bringen will, verteidigte die Geheimhaltung des Nestlé-Vertrages, weil er Angst habe, dass die Privatwirtschaft ansonsten nur noch eigene Forschung betreibe.

"Ich will, dass meine Studenten einen Arbeitsplatz bekommen. Auf diese Weise fördert man die Gesamtwirtschaft.",  sagt der umtriebige Neurologe. Und verbreitet damit eine Vulgärvariante der angelsächsischen neoliberalen Wirtschaftsideologie: "Ich rieche schon die ersten Börsengänge".

Angelsächsische Eliteschulen à la Stanford, Harvard, MIT und Cambridge wo Aebischer Mass nimmt, schaffen Jobs für die Boys und Girls des einen Prozent. Der Gang der Gesamtwirtschaft der übrigen 99 Prozent ist eine ganz andere Frage. Piketty lesen, Prof. Aebischer!

Wissenschaftspolitik als Konzernförderung auf der Basis der Verschmelzung von Kapital und Wissenschaft setzt die Priorität auf die Rendite, schädigt die Umwelt und verschärft die ungleiche Einkommens- und Vermögensverteilung.

Das brauchen wir nicht. Nötig ist Wissenschaftspolitik als Standortförderung.  Die sozial- und umweltverträgliche Förderung der Gesamtwirtschaft mit der Priorität der Schaffung von Arbeitsplätzen in der Schweiz.

Nicht Kapital und Wissenschaft verschmelzen, Werkplatz und Denkplatz fusionieren.